Nebelkopfhütte

 

Rezensionen

Mannheimer Morgen vom 31. August 2009

 

 

 

Textauszug

 

 

(...)

 

Dieses schwarzschillernde Panorama der Alpen jagt einem auch dann Angst ein, wenn man aufpasst und sich von Katharinas obskurer Weltsicht nicht wieder einfangen lässt. Jasmin lächelt ertappt. Es ist zu spät, sie hat sich erneut auf Katharinas Mätzchen eingelassen.

Sie stößt die massige Haustür auf und die Flurluft schlägt ihr entgegen. Das Haus riecht muffig, was sie wegen ihres großen Hungers ganz besonders stört. Die nächste, völlig verkratzte Tür öffnet sich wie durch Geisterhand, ihr tritt ein Mann entgegen, um ihr zu helfen. Er hat etwas Gespenstisches an sich, weil er aufgedunsen ist. Ein Säufer im Endstadium, einer, der kurz vor dem Delirium steht. Zumindest stellt sich Jasmin diesen Zustand so vor. Der Kerl glotzt sie mit heraustretenden Augen an und nuschelt aus dem übel riechenden Mund: »Du bist ja gar nicht die Kathi.«

»Nein, ich bin die Jasmin.« Damit ist ihr ohne jede Frage klar, dass Katharina noch nicht angekommen ist. »Guten Abend auch noch«, grüßt Jasmin missmutig und überlässt ihm den schweren Rucksack, »sind Sie der Wirt?«

»Grüß Gott. Nein, ich bin der Schorsch. Setzen Sie sich ein bisschen zu mir und erzählen Sie mir was?«

Das werde ich auf gar keinen Fall tun, denkt Jasmin, tritt in die Stube und entfernt sich möglichst weit von diesem Gast, indem sie ihr Gepäck wieder an sich nimmt und am Tresen darauf wartet, eingecheckt zu werden. Schweigend wartet sie auf die nächste Schauergestalt, die sich ihr zeigen wird. Der Gastraum ist leer. Aus einem Radio dringt in erträglicher Lautstärke Zithermusik.

»Ihre Freunde sind schon oben auf dem Nebelkopf«, erklärt der Schorsch und setzt sich an einen der alten Holztische, auf dem sein einsames Bierglas steht.

»Ich weiß. Wann sind meine Leute denn hoch gewandert?«, fragt Jasmin nach einer Weile, die ihr eigentlich unfreundlich lang erscheint, dem Schorsch wohl aber durchaus angemessen vorkommt, denn er scheint an langsame Unterhaltungen gewöhnt.

»Sie sind um sechzehn Uhr und sechs Minuten losgegangen«.

»Aha«, sagt Jasmin und ist überrascht, dass dieser verlotterte Mensch das so genau weiß.

»Wie lange braucht man denn bis hinauf? Wissen Sie das vielleicht?«

»Oha, da brauchen Sie aber nicht so zweiflerisch zu fragen! Ich bin nämlich genau der Einzige, der Ihnen das ganz präzise sagen kann. Ich bin der einzige Bergführer weit und breit, der beste bin ich! Das dauert so zwischen zwei und fünf Stunden, je nach Weg, Kondition der Leute und dem Wetter.«

»Soso«, antwortet Jasmin und verbucht für sich mindestens mal drei Stunden. Sie würde sehen, ob das Sportstudiotraining im Ernstfall einen Nutzen hätte. Das ist eine lange Zeit, die sie mit diesem unangenehmen Menschen verbringen müsste, wenn sie sich entschlösse, mit ihm hochzugehen.

»Wirt!«, ruft Jasmin nun ungeduldig.

»Der Wirt ist schon im Bett«, schreit der Schorsch lauthals in die Stube, und sie zuckt zusammen. Muss er so laut sein?

»Aber der Thommi kommt gleich wieder«, fährt er genauso laut fort, weswegen Jasmin begreift, mit dieser Lautstärke will er den Thommi informieren, dass er sich beeilen soll.

»Der Thommi holt ein Fässchen Bier aus dem Keller. Der Thommi ist nicht der Stärkste«, grinst der Schorsch und zeigt triumphierend auf seine eigenen, dicken Oberarme. Jasmin wird bei dieser männlichen Kraftmeierei ärgerlich, aber der Schorsch versteht sich nicht als Macho und Frauenheld, sondern konzentriert sich wieder auf sein nahezu leeres Bierglas. Wahrscheinlich muss der Thommi einzig wegen diesem Saufbruder heute Abend noch einmal in den Keller.

Endlich rumpelt es draußen im Flur, dann wird die Tür unsanft von einem Fass aufgestoßen und Jasmin weiß jetzt, warum die Tür außen verkratzt ist. Hinter dem Fass richtet sich zu ihrem Erstaunen ein von oben bis unten gut angezogener junger Mann auf. Jasmin atmet auf. Dieser Thommi sieht sehr hübsch aus. Ein vornehmes Lächeln huscht über sein Gesicht, als er Jasmin mustert, die sich in diesem Moment in ihren Cordleggings mit den hellen Stiefeln und dem Anorak im Arm angemessen sportlich vorkommt. Schön wäre es, wenn dieser Junge sie anstelle des Ungeheuers morgen zu der Hütte brächte.

»Grüß Gott. Sind Sie der kleine Mazda da draußen?«, fragt er und Jasmin antwortet erfreut: »Ja, und guten Abend auch. Sie sind sicher der Skilehrer, wenns hier oben einschneit?«

»Nein, ich studiere in München und bin an diesem langen Wochenende mal wieder zu Hause bei meinem Vater.«

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