Hochzeitssuppen


Rezensionen

Blog Elk von Lyck vom 22. März 2013

 

 

 

 

Textauszug

 

D U R U S A N    U N D    W Ł A D Y S Ł A W  /   Durusan schlenderte mit seiner großen Sporttasche über den Parkplatz. Er trug eine blütenweiße Trainingsjacke und blaue Jeans. Das Sportstudio lag auf dem Gelände des Neuostheimer Flughafens. Vom Restaurant Lindbergh drangen Fetzen von Chill-out-Musik an sein Ohr. Viele Leute saßen an den Tischen in der Abendsonne. Auf den ersten Blick sah er keine Frau, die ihn interessiert hätte und auch keinen Bekannten. Er musterte stets aufmerksam die Menschen seiner Umgebung, vielleicht sogar einen Hauch misstrauisch. Vor zwei Jahren hatte er seinen türkischen Pass abgegeben und sich einbürgern lassen. Da war er einundzwanzig. Er wusste, wo zuhause seine Einbürgerungsurkunde lag, doch allmählich hatte er es satt, das jedem zu erklären. Heute saßen mehr Leute da als sonst, schließlich war morgen der 1. Mai.

Wenn seine Schicht es erlaubte, ging er gern abends ins Studio, denn dann war mehr los. Morgens joggte er lieber im Waldpark am Rhein entlang oder auf der Reißinsel, wenn diese außerhalb der Vogelbrutzeit freigegeben war. Er ruderte samstags auf dem Neckar bei nahezu jedem Wetter, sogar bei Hochwasser, auch wenn das gefährlich war. Er konnte sich das alles leisten, denn er arbeitete in einer großen Montagehalle in der Qualitätsprüfung als Mechatroniker beim Benz, wie der Daimler in Mannheim genannt wird. In der Montagehalle wurden Busse zusammengesetzt.

In der Männerumkleide seines Sportstudios traf er auf Władysław, der in einem völlig unmodernen Sportanzug da saß und missmutig auf ihn wartete.

„Hallo Sportsfreund“, wurde er von seinem Freund begrüßt. „Ich könnte mir in den Arsch beißen. Warum muss ich diesen Gutschein ausgerechnet heute einlösen, nur weil er ab morgen verfällt? Ich habe ein Mädchen versetzt, das mit mir ausgehen wollte.“

Władysław arbeitete mit Durusan beim Benz in der gleichen Halle und auf derselben Schicht.

„Armer Władysław“, spöttelte Durusan. „Du machst halt immer alles auf den letzten Drücker.“

Władysław sog die Luft durch die Zähne und schüttelte den Kopf. Seine Augen strahlten blau zwischen ein paar blonden Strähnen hervor: „Mach jetzt bloß keine Anspielungen über irgendwelche Unpünktlichkeiten. Ich kann den Unsinn nicht mehr hören. Das Sportstudio hätte schließlich auch einen unbefristeten Gutschein ausgeben können, dann gäbe es diese Hast heute nicht.“

Durusan lachte. „Der echte Grund für deine schlechte Laune liegt doch in deiner Scheu vor Bewegung und in deiner Vorliebe für Pizza.“

Władysław war mindestens einmal in der Woche zu Gast in einem Ristorante und legte selbst die kleinsten Strecken niemals zu Fuß zurück. Er richtete leidenschaftlich gerne Motorräder her und fuhr eine hochglanzpolierte Harley Davidson, die er einmal als Schrottmaschine gekauft hatte.

„Sollen wir uns da drinnen wirklich an den Geräten abplagen? Heute, am 30. April, wo alle Welt in den Mai tanzt? Je länger ich es mir überlege, umso klarer wird mir, dass das ein Blödsinn ist.“

„Du weißt, dass dich keiner zwingt.“

„Ich habe da eine bessere Idee, lass uns rauskriegen, was an so einer Walpurgisnacht dran ist. Wir könnten doch zur Heidelberger Thingstätte gehen. Ich habe davon schon so viel gehört. Mensch, lass uns aufbrechen.“

„Sind denn da nicht nur Verrückte?“

„Mensch, wir werden sehen!“

Wie so oft ließ sich Durusan überreden, mit seinem Auto zu fahren, damit Władysław etwas trinken konnte. Władysław hatte scheinbar zufällig bereits eine Flasche Wodka im Rucksack. Bei Durusan lag wie immer die Wasserpfeife, die Shisha, im Kofferraum seines alten Mercedes. Auf dem Weg holten sie an einer Tankstelle einen Kanister Mineralwasser. Nun fuhren sie nach Heidelberg-Handschuhsheim. In den engen Gassen fanden sie noch einen Parkplatz. Durusan schleppte seine fünf Liter Wasser auf den Heiligenberg.

Gutgelaunt gelangten sie zusammen mit einem Völkchen aus Trommlern, Feuerspuckern, Kiffern, Punks und mittelalterlichen Barden zur Freilichtbühne des monumentalen Amphitheaters. Sie schauten hinauf zum Zuschauerrund. Auf den Rängen hatten sich unüberschaubar viele junge Leute zu jener Party versammelt, die vom Magistrat der Stadt Heidelberg alljährlich erfolglos verboten wurde. Eingehüllt in den Duft der frühlingswarmen Nacht sowie anderer Gerüche, wie Bierwolken und Haschischschwaden, feierten und tanzten alle, viele grillten sogar.

Eine junge Frau, mit der sie auf dem Weg ins Gespräch gekommen waren, erklärte ihnen, dass ein paar Meter neben dieser ehemaligen Nazi-Arena seit keltischen Zeiten das Heidenloch zweihundert Meter tief in den Berg hinabreiche, und dass auch der Philosophenweg nicht weit sei. Auf der Bühne verabschiedete sie sich, sprang über die Steinstufen hinauf und tauchte in der bunten Menschenmenge unter. Durusan, der mit den Augen ihrem Weg folgte, suchte zugleich die Umgebung auf Gesichter ab. Ihm fiel etwa zehn Stufen entfernt eine andere Frau auf, die er irgendwoher zu kennen glaubte.

Beim Sprung über ein Hexenfeuerchen geriet der lange Rock dieser Frau in die Flammen. Zufällig hatte Durusan seinen Wasserkanister gerade aufgeschraubt. Er rannte los, sprang die kniehohen Steinstufen hinauf und goss schwungvoll sein Mineralwasser über den brennenden Rock. Die junge Frau, die zum Glück geringelte Baumwollstrümpfe trug und keine brandgefährlichen Polyamid-Strumpfhosen, war unverletzt geblieben. Durusan bestand darauf, sie zu kennen, und es stellte sich heraus, dass sie die Sekretärin ihres Bereichsleiters war.

„Silke“, Władysław holte seinen polnischen Wodka aus der Tasche. „Ich bringe einen Toast auf den glimpflichen Verlauf des Unglücks aus.“ Er gab die Flasche in die Runde.

„Für diese Rettung gibt es eine Belohnung“, rief die junge Frau aufgeregt. Sie war soeben noch der uralten Angst vor dem Feuer ausgesetzt gewesen, jetzt gab sie Durusan erleichtert mehrere Küsse, davon auch einen auf den Mund. Ihr Freund sah mürrisch zu.

„He du, wenn du etwas von meiner Frau willst, gibt es was aufs Maul.“

Durusan sprang mit beschwichtigenden Gesten zurück.

„Immer mit der Ruhe.“

Silke gab nun auch ihrem aufgebrachten Freund einen innigen Kuss und schaute ihn lange forschend an.

„Glücklicherweise war das Fässchen Bier noch zu, als mein Rock brannte. Ein Guss Mineralwasser war doch besser als einer mit deinem Bier“, sagte sie schalkhaft.

„Aber du fängst mir ja nichts an mit diesem türkischen Latino!“, er deutete auf Durusan und grinste unsicher.

„Du weißt es doch, ich liebe nur dich“, erwiderte sie treuherzig.

 

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Übrigens: Heidelberg ist UNESCO City of Literature
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